Cybersecurity als Exportgut: Warum Deutschland mehr braucht als sichere Software für den Inlandsmarkt
Am 23. und 24. Juni 2026 trafen sich im Waldorf Astoria Berlin Entscheider aus Politik, Wirtschaft und Sicherheitsbehörden zur Cybernation 2026. Im Zentrum stand eine Zielmarke, die sich der Wirtschaftsrat der CDU selbst gesetzt hat: Deutschlands Weltmarktanteil an der Cybersecurity-Branche soll sich bis 2035 von rund 5 auf rund 10 Prozent verdoppeln. Eine Zahl, die deutlich macht, worum es bei diesem Thema eigentlich geht; nicht um ein weiteres Compliance-Dokument, sondern um die Frage, ob Cybersecurity in Deutschland vom Kostenfaktor zum Geschäftsmodell wird.
Eine Cybernation entsteht nicht durch Anbieter, die nur im Inland verkaufen
Deutschland ist die drittgrößte Volkswirtschaft der Welt und traditionell exportstark. Ein Geschäftsmodell, das auf Cybersecurity aufbaut, kann sich in einem solchen Land nicht allein aus dem Inlandsgeschäft tragen. Es braucht Dienstleistungen, Produkte und Konzepte, die exportiert werden, so wie bislang vor allem Autos. Das setzt eine Cybersecurity-Industrie voraus, die stark genug dafür ist: Personal, Technik, Know-how und am Ende die Fähigkeit, all das auch außerhalb Deutschlands zu verkaufen.
Für den einzelnen Mittelständler spielt dabei eine andere Frage kaum eine Rolle: ob der Hersteller der eingesetzten Lösung aus Deutschland kommt oder nicht. Wer ein Auto braucht, kauft ein Auto. Wer seine Umgebung absichern muss, kauft Cybersecurity – unabhängig davon, wer sie anbietet. Der eigentliche Wachstumsmotor liegt deshalb nicht im geschützten Heimatmarkt, sondern im Export der gesamten Wertschöpfungskette.
Digitale Souveränität heißt nicht, amerikanische Anbieter zu meiden
Kaum ein Begriff wird in der Branche derzeit so oft bemüht wie digitale Souveränität. Nicht zuletzt, weil die USA unter Trump als unberechenbarer gelten als zuvor. Ein Vergleich macht die Dimension greifbar: Erst der Wegfall des russischen Gases hat vielen bewusst gemacht, wie stark die eigene Wirtschaft von einer einzigen Abhängigkeit geprägt war. Ähnlich verhält es sich heute im digitalen Bereich mit wenigen großen Anbietern.
Ein Szenario, in dem Deutschland digital von den USA abgeschnitten wird, gilt dabei als extrem unrealistisch – schlicht, weil die betroffenen amerikanischen Anbieter damit ihr eigenes Geschäftsmodell und ihre eigene Wirtschaft beschädigen würden. Die Abhängigkeit ist real, die akute Gefahr aber nicht. Das verschafft Zeit, ohne das Problem zu verharmlosen. Abhängigkeiten lassen sich nicht immer dadurch lösen, dass Vorhandenes eins zu eins ersetzt wird. Sie lassen sich auch dadurch abfedern, dass Europa selbst zum unverzichtbaren Partner wird, etwa dort, wo es bereits stark ist: bei der Dichte an Fachkräften im Quantencomputing oder in der Fusionsreaktor-Entwicklung.
Für die einzelne Kaufentscheidung heißt das: Software aus den USA zu beziehen, ist in vielen Bereichen schlicht die beste verfügbare Lösung und keine Frage der Gesinnung. Anders sieht es bei Dienstleistungen aus. Wer Serviceleistungen dauerhaft außerhalb Europas einkauft, entscheidet damit indirekt mit, wie viele IT- und IT-Security-Fachkräfte in Europa beschäftigt sind, denn am Ende sitzt ein Mensch am Rechner, der Wissen hat, Entscheidungen trifft und Alarme prüft.
Für den Mittelstand ändert sich kurzfristig wenig
Wer bereits an NIS2, ISO 27001 oder dem BSI-Grundschutz arbeitet, muss in den nächsten zwölf Monaten nicht mit zusätzlichen Pflichten rechnen. Die Hausaufgaben, die deutsche Unternehmen ohnehin zu erledigen haben, sind seit Jahren bekannt. Was sich stattdessen abzeichnet, ist eine engere Zusammenarbeit zwischen Staat und Wirtschaft: mehr Austausch, mehr gemeinsame Formate und konkretere Ansprechpartner, etwa zwischen Unternehmen und dem BSI.
Ambitioniert ist nicht dasselbe wie unrealistisch
Ob aus dem 5-auf-10-Prozent-Ziel bis 2035 tatsächlich eine erfolgreiche Exportindustrie wird, hängt von Fragen ab, die derzeit noch offen sind: Wer investiert wie viel, in welche Bereiche, mit welcher Priorität? Ein ambitioniertes Ziel knapp zu verfehlen, ist dabei immer noch besser, als es sich gar nicht erst vorzunehmen. Klar ist bislang vor allem die Richtung, nicht der vollständige Weg dorthin.
Wie realistisch dieses Ziel ist, welche Rolle der Mittelstand dabei spielt und warum digitale Souveränität keine Frage des einzelnen Herstellers ist, besprechen Michael und Jona Ridderskamp, CEO von suresecure, in der aktuellen Folge von Cybersecurity Basement.
Quellen:
Wirtschaftsrat der CDU e.V.: Strategiepapier „Wir bauen die Cybernation“ (PDF, Volltext), wirtschaftsrat.de
Hinweis: Die inhaltlichen Einschätzungen zu Exportmodell, digitaler Souveränität und den Auswirkungen auf den Mittelstand stammen aus der Podcast-Folge und geben die dort geäußerte Position wieder, nicht zwingend eine offizielle Position des Wirtschaftsrats.
